Sexleben: Lust und Unlust in den Wechseljahren

Keine Lust auf Sex in den Wechseljahren? Das erleben viele Frauen. Es bedeutet jedoch nicht das Ende deiner Sexualität. Die Phase kann eine Chance sein, deine Lust neu zu entdecken und deine Bedürfnisse bewusster wahrzunehmen.

Inhaltsverzeichnis

Wodurch verändert sich die Lust auf Sex in den Wechseljahren?

Die körperlichen und hormonellen Veränderungen der Wechseljahre wirken sich direkt auf die Sexualität aus. Viele Frauen berichten, dass ihre Lust auf Sex deutlich nachlässt oder ganz zu verschwinden scheint. Ein wichtiger Grund dafür ist der sinkende Östrogenspiegel. Er kann die Schleimhäute im Intimbereich trockener und empfindlicher machen. Geschlechtsverkehr kann sich dadurch unangenehm oder schmerzhaft anfühlen. Fachleute fassen diese Beschwerden als genitourinäres Syndrom der Menopause, kurz GSM, zusammen. Gleichzeitig nimmt häufig auch Testosteron ab, das ebenfalls eine Rolle für die Libido spielt. Der Libidoverlust in den Wechseljahren ist daher oft eine direkte Folge der hormonellen Umstellung.  [1, 2, 7, 9]

Manchmal fehlt nicht nur die Lust auf Sex. Auch das Interesse an Nähe und sexuellen Reizen kann deutlich abnehmen. Wenn dich das belastet, lohnt sich eine medizinische Abklärung. Für postmenopausale Frauen mit hypoaktiver sexueller Luststörung gibt es evidenzbasierte Behandlungsansätze. Dazu zählt auch eine Testosterontherapie in ausgewählten Fällen. Sie erfolgt nach klaren Kriterien und unter ärztlicher Kontrolle. Eine Selbstmedikation ist nicht empfohlen. [10, 11]

Die Wechseljahre als Chance für dein Sexleben

Neben den körperlichen Veränderungen spielen psychologische Faktoren eine zentrale Rolle bei sexueller Unlust in den Wechseljahren. Genau darin liegt eine wichtige Chance. Die Wechseljahre können ein Anlass sein, den Druck loszulassen, dass Sexualität immer so funktionieren muss wie früher. Viele Frauen entdecken in dieser Phase, dass sie keinem festen Drehbuch folgen müssen, in dem Penetration im Mittelpunkt steht. Sie beginnen, Intimität weiter zu fassen und neu zu definieren. [3, 6]

Wenn du keine Lust auf Sex in den Wechseljahren hast, bedeutet das nicht, dass Sexualität aus deinem Leben verschwindet. Sie kann sich wandeln und eine Form annehmen, die tiefer, bewusster und vielleicht sogar erfüllender ist als in jüngeren Jahren. Ein erster Schritt dabei ist, den Begriff Sexualität zu erweitern und den Leistungsdruck bewusst loszulassen.

Verstehe deine Lust neu

Die Sexualtherapeutin Emily Nagoski beschreibt sexuelle Unlust bei Frauen ab 50 mit einem anschaulichen Bild. Sie spricht von einem Modell mit Gaspedal und Bremse. Das Gaspedal steht für alles, was erregt. Die Bremse beschreibt alles, was hemmt, stresst oder Sorgen auslöst. [3, 12]

In den Wechseljahren treten häufig neue und starke Bremsen auf. Dazu gehören die Angst vor Schmerzen, Unsicherheit über den veränderten Körper oder Erschöpfung nach einem vollen Alltag. Statt das Gaspedal mit Druck zu betätigen, hilft es oft mehr, behutsam den Fuß von der Bremse zu nehmen. 

Ein erster Schritt, um die Bremse Schmerz zu lösen, kann ein Gleitmittel sein. Es hilft gegen Scheidentrockenheit und kann Geschlechtsverkehr angenehmer machen. So fällt eine körperliche Hürde weg. Ihr könnt wieder entspannter erkunden, was sich gut anfühlt. Mehr zum Thema Scheidentrockenheit findest du im Artikel Was tun bei Scheidentrockenheit. [7, 8, 13]

Intimität ohne Druck

Ein weiterer wichtiger Schritt ist, Geschlechtsverkehr nicht mehr als einziges Ziel einer sexuellen Begegnung zu sehen. Er ist auch kein Maßstab für gelungene Intimität. Entscheidend ist weniger das Was als das Wie. Intimität umfasst viele Formen von Nähe und Verbundenheit. [4, 6]

Ladet euch ein, neugierig zu erkunden, welche Formen der Zärtlichkeit euch jetzt guttun. Das können lange Umarmungen, intensive Küsse oder sinnliche Massagen sein. Sie können wieder eine tiefe körperliche Verbindung entstehen lassen.

Fällt der Druck weg, eine bestimmte Erwartung erfüllen zu müssen, entsteht Raum für neue Nähe. Diese Nähe ist oft entspannter und tiefer als früher. Alles, was sich gut und verbindend anfühlt, ist richtig. Der Fokus verschiebt sich von Quantität hin zu Qualität. Eine bewusste Begegnung ist häufig erfüllender als routinierter Sex.

Doch wie entsteht diese Nähe, wenn man sich im Alltag voneinander entfernt hat? In der Lebensmitte zeigt sich oft, dass nicht körperliche Reize, sondern eine verlässliche emotionale Verbindung der wichtigste Auslöser für Lust ist.

Emotionale Nähe: Das neue Vorspiel

In jüngeren Jahren entsteht Lust bei vielen Frauen spontan. In den Wechseljahren verändert sich das häufig. Das spontane Verlangen tritt seltener auf. Lust ist dann oft reaktiv. Sie entsteht als Reaktion auf einen sicheren, liebevollen und intimen Moment. Ein tiefes Gespräch, ein wertschätzender Blick oder das Gefühl, wirklich gesehen zu werden, werden zum eigentlichen Vorspiel. Für viele Frauen ist emotionale Nähe in den Wechseljahren keine Ergänzung mehr. Sie ist die Voraussetzung für körperliches Verlangen. [3, 5]

Emotionale Nähe lässt sich im Alltag bewusst fördern. Kleine Veränderungen können dabei viel bewirken.

Kleine Veränderungen für mehr Lust

Zeigt euch Wertschätzung: Macht euch Komplimente, die über das Äußere hinausgehen. Sagt einander, was ihr am anderen schätzt, als Mensch und nicht nur in bestimmten Rollen.

Nehmt euch bewusst Zeit für einander: Schafft kleine Momente, die nur euch gehören. Das können 20 Minuten ohne Handy und ohne To-do-Listen sein. Echte Präsenz stärkt Nähe und Vertrauen.

Zeigt euch verletzlich: Sprecht über Unsicherheiten und Ängste. Zu sagen, dass man sich im eigenen Körper fremd fühlt oder Angst vor Zurückweisung hat, braucht Mut. Es schafft jedoch eine tiefe emotionale Verbindung.

Körperliche und medikamentöse Ursachen mitdenken

Sexuelle Lust wird nicht nur von Beziehung und Psyche beeinflusst. Auch Schlafmangel, anhaltender Stress und depressive Symptome können Lust und Erregung deutlich dämpfen. 

Darüber hinaus beeinflussen einige Medikamente die sexuelle Funktion. Das gilt besonders für viele Antidepressiva, vor allem aus der Gruppe der SSRI und SNRI. Wenn du unter einer medikamentösen Therapie Veränderungen bemerkst, sprich das offen an. Häufig gibt es Alternativen oder Anpassungsmöglichkeiten. Medikamente sollten jedoch nie eigenständig abgesetzt werden. [15]

Der Schlüssel zum Glück: Redet miteinander

Verletzlichkeit führt zu einem zentralen Werkzeug für erfüllte Intimität. Das ist offene und ehrliche Kommunikation. Schweigen aus Scham oder Angst schafft Distanz und Missverständnisse. Dein:e Partner:in kann nicht wissen, was in dir vorgeht. [4, 6]

Entscheidend ist dabei nicht nur das Reden, sondern auch das Wie. Statt Vorwürfe zu machen, hilft es, aus der eigenen Perspektive zu sprechen.

Eine Ich-Botschaft wie: „Ich fühle mich unsicher in meinem Körper und habe Angst vor Schmerzen beim Sex. Ich wünsche mir mehr Zärtlichkeit ohne Druck.“ öffnet Gespräche. Vorwürfe hingegen verschließen sie.

Sucht euch für solche Gespräche einen passenden Moment. Das Schlafzimmer kurz vor dem Einschlafen ist dafür oft ungeeignet. Ein Spaziergang oder ein ruhiger Moment am Wochenende bieten meist mehr Raum. Betrachtet die Situation nicht als individuelles Problem, sondern als gemeinsame Aufgabe. Zusammen nach neuen Wegen für erfüllende Sexualität in den Wechseljahren zu suchen, stärkt das Wir-Gefühl. Es macht euch wieder zu einem Team.

Wenn ihr merkt, dass ihr allein nicht weiterkommt, kann eine Paar oder Sexualberatung sinnvoll sein.

Ärztliche Beratung, Schutz und Abklärung

Sexualität in den Wechseljahren wirft oft auch medizinische Fragen auf. Scheue dich nicht, diese aktiv anzusprechen. Eine gynäkologische Beratung zu körperlichen Ursachen und möglichen Behandlungen ist dein gutes Recht. Sie kann ein wichtiger Schritt zu einer selbstbestimmten Sexualität sein. [2]

Auch in der Perimenopause ist eine Schwangerschaft möglich. Eine Hormontherapie schützt nicht vor einer ungewollten Schwangerschaft. Wenn deine Blutungen noch nicht seit zwölf Monaten ausgeblieben sind, ist eine individuelle Beratung zur Verhütung sinnvoll. Bei neuen oder wechselnden Partner:innen spielt auch der Schutz vor sexuell übertragbaren Infektionen eine Rolle. Kondome und gezielte Tests können sinnvoll sein. Das gilt unabhängig vom Alter. [1]

Lass Schmerzen beim Sex, Blutungen nach dem Geschlechtsverkehr oder anhaltendes Brennen immer ärztlich abklären. Das gilt auch bei wiederkehrenden Harnwegsbeschwerden. Beschwerden im Intimbereich sind häufig, haben aber nicht immer ausschließlich hormonelle Ursachen. [7]

Was du mitnehmen kannst

Sexualität verändert sich in den Wechseljahren. Das ist normal und kein Zeichen von Versagen. Lust folgt jetzt oft anderen Regeln als früher. Sie braucht Sicherheit, Nähe und Zeit. Körperliche Beschwerden wie Trockenheit oder Schmerzen sind häufig und meist gut behandelbar. Auch anhaltender Lustverlust darf angesprochen werden. Du musst dich damit nicht abfinden. Sex in den Wechseljahren bedeutet nicht weniger, sondern oft etwas anderes. Weniger Druck, mehr Bewusstsein und mehr Verbindung. Wenn du dir erlaubst, deine Sexualität neu zu definieren, kann diese Lebensphase Raum für eine erfüllte und selbstbestimmte Intimität bieten.

Quellen

  1. Inwald, E. C., Albring, C., Baum, E., et al. (2021). Perimenopause and postmenopause – diagnosis and interventions. Guideline of the DGGG and OEGGG (S3‑level, AWMF registry no. 015‑062). Geburtshilfe und Frauenheilkunde, 81(6), 612–636. https://doi.org/10.1055/a-1361-1948
  2. The North American Menopause Society. (2020). The 2020 genitourinary syndrome of menopause position statement. Menopause, 27(9), 976–992. https://doi.org/10.1097/GME.0000000000001609
  3. Nagoski, E. (2021). Komm, wie du willst: Das neue Buch über weibliche Sexualität. Piper.
  4. Nagoski, E., & Nagoski, A. (2024). Come together: Das Praxisbuch für ein erfülltes Sexleben. Piper.
  5. Avis, N. E., et al. (2009). Sexual desire during the menopausal transition and early postmenopause. Journal of Women’s Health, 18(7), 1200–1211. PMC2834444
  6. Angelou, K., et al. (2021). Modern management of genitourinary syndrome of menopause. Climacteric, 24(1), 1–7. https://doi.org/10.1080/13697137.2020.1869058
  7. Davis, S. R., Davison, S. L., Donath, S., & Bell, R. J. (2005). Circulating androgen levels and self‑reported sexual function in women. The Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, 90(9), 5226–5233. https://doi.org/10.1210/jc.2005-0247
  8. Parish, S. J., Simon, J. A., Davis, S. R., et al. (2021). ISSWSH clinical practice guideline for the use of systemic testosterone for HSDD in women. Journal of Sexual Medicine, 18(5), 849–867. https://doi.org/10.1016/j.jsxm.2021.02.667
  9. Kingsberg, S. A., et al. (2020). Treatments for postmenopausal hypoactive sexual desire disorder. American Family Physician, 101(3), 182–190.
  10. Kinsey Institute. (2024). The Dual Control Model of Sexual Response. https://kinseyinstitute.org/research/dual-control-model.html
  11. Danan, E. R., Sowerby, C., Ullman, K. E., et al. (2024). Hormonal treatments and vaginal moisturizers for genitourinary syndrome of menopause: A systematic review. Annals of Internal Medicine, 177(10), 1400–1414. https://doi.org/10.7326/M24-0061
  12. Morin, M., Carroll, M. S., & Bergeron, S. (2017). Physical therapy interventions for dyspareunia: A systematic review. BMC Women’s Health, 17, 5. https://doi.org/10.1186/s12905-016-0356-y
  13. Berufsverband der Frauenärzte e.V. (o. D.). Wechseljahresbeschwerden / klimakterische Beschwerden. Frauenärzte im Netz. Abgerufen am 2. August 2024 von https://www.frauenaerzte-im-netz.de/koerper-sexualitaet/wechseljahre-klimakterium/wechseljahresbeschwerden-klimakterische-beschwerden/
  14. Debrot, A., et al. (2018). The associations of intimacy and sexuality in daily life. Journal of Social and Personal Relationships, 35(4), 557–576. PMC5987853
  15. ​Clayton, A. H., & Valladares Juarez, E. M. (2019). Female sexual dysfunction as an adverse effect of drugs. Maturitas, 125, 76–82.

Mitwirkende Autor:innen

  • Anna ist Diätassistentin/Ernährungstherapeutin (B.Sc. Diätetik). Seit 2021 ist sie Teil von Sidekick – zunächst als direkte Ansprechpartnerin zur Unterstützung von Menschen mit Adipositas, heute als Verstärkung des Content-Teams für die Programme zanadio und MENO!. Als Mitglied im Verband der Diätassistenten – Deutscher Bundesverband e.V. (VDD) engagiert sie sich für eine starke ernährungstherapeutische Versorgung. In ihrer Freizeit trifft man sie oft sportlich unterwegs oder in der Küche – denn Kochen zählt zu ihren großen Leidenschaften.

  • Das MENO! Redaktionsteam setzt sich aus erfahrenen und qualifizierten Fachkräften unterschiedlicher Disziplinen zusammen. Dazu gehören Expert:innen aus den Bereichen Medizin, Ernährungswissenschaft/Ökotrophologie, Sport- und Gesundheitswissenschaften sowie der klinischen Psychologie. Unser Ziel ist es, allen Leser:innen verlässliche, gut verständliche und wissenschaftlich fundierte Gesundheitsinformationen zu bieten. Jeder Artikel wird sorgfältig auf Aktualität, Fachlichkeit und eine wertfreie Darstellung geprüft, um zu einer informierten und offenen Auseinandersetzung mit dem Thema beizutragen.

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